Form Follows Function

Das Darwinsche Design

Um hinlänglich gegen die Widrigkeiten der Natur gewappnet zu sein, bedarf es bei allen Lebewesen, evolutionsbiologisch betrachtet, möglichst großer genetischer Vielfalt. Die aber hängt auch von der Größe einer Population ab: Je mehr Individuen (und damit variantenreiches Erbgut) zur Verfügung stehen, desto besser ist dies langfristig für das Überleben der Gemeinschaft. Ist die Gruppe dagegen eher klein, sprechen Wissenschaftler auch vom evolutionären Flaschenhals. Dieser entsteht beispielsweise, wenn die Mehrzahl der Angehörigen einer Population drastisch reduziert wird, wie bei einer folgenschweren Seuche.

Bezieht man diese Theorie auf die Evolution der mobilen Telefone, erkennt man eine ganz ähnliche Entwicklung: In einem Zeitraum von 1973 bis heute sieht man eine dramatische Wandlung, besser gesagt Anpassung, in Funktion und Design. Als Motorola das DynaTAC als erste Firma auf den Markt brachte, sprach man von einem Game Changer — als es zehn Jahre später endlich auf dem Markt kam. Da es fast 4000 US-Dollar kostete und fast ein Kilogramm schwer wog, blieb die Nutzung vor allem Unternehmern und Politikern vorenthalten und erst 1989 brachte man das erste tragbare Telefon heraus, das in die Hosentasche passte.

Das Geräteangebot aber nahm ab 1997 stark zu. Klapp- und Schiebehandys sorgten für Aufsehen und wurden zum täglichen Begleiter im Alltag. Günstige Modelle und die Einführung von Prepaid-Karten machten das Handy zum Massenprodukt. Immer mehr Firmen stiegen in die Produktion mit ein, die Vielfalt wurde immer größer, so auch die Funktionen und das Design. Vielfalt deckte viele Kundenwünsche ab und sicherte den erfolgreichen Firmen, die alle ihre Nische gefunden hatten, das Überleben — und den Handys die “genetische” Vielfalt um sich am Markt für lange Zeit als Produkt zu behaupten. Die eintretende Seuche trat schließlich 2007 in Form des Apple Smartphones auf dem Markt.

Apple’s nutzerfreundliches Touchdevice revolutionierte den Handymarkt in einer so drastischen Art, dass konkurrierende Firmen sich entweder dem neuen Markt anpassten, oder schlicht und einfach vom Markt ausschieden. Ab diesem Zeitpunkt entstand ein evolutionärer Flaschenhals in der Entwickling der Mobile-Telefone, der nur noch Handys der neuen Generation — keine Handys mehr, sondern Smartphones — hindurchließ. Heute sehen, auf bis wenige Ausnahmen, wie das Black Berry, dass allerdings auch schon um seine Zukunft bangt, alle Smartphone gänzlich identisch aus. Die Form hat sich den Funktionen angepasst. Und dem Trend am Markt. Es fand eine Selektion, eine technologische Auslese statt.

Während vorher eine große Form- und Farbvielfalt herrschte (heute in Farbgebung fast ausschließlich nur noch weiß und schwarz), hat sich das Design am mobilen Markt heute fast vollkommen zurückgenommen. Gewicht, Kantenform, Dicke, Breite und der Rahmen um den Touch-Bereich: Diese Stilmittel werden heute so minimalistisch eingesetzt, dass von Generation zu Generation kaum noch ein wirklicher Unterschied zu sehen ist. Dieses Verhalten hat einen ganz einfachen, logischen Sinn: Man hat erkannt, dass vor allem die Funktionen im technischen Alltagsbereich im Vordergrund stehen und die Form sich in Auge dessen zurücknehmen muss. So simpler, desto besser. Man könnte fast von einem Darwinschen Design sprechen.

Steve Jobs galt als Meister des Minimalismus in seinem Metier. Er schaffte es, dass seine Produkte sich völlig im Design zurücknehmen und durch ihre minimalistische Form, der Funktion die Möglichkeit geben, zu brillieren.

“Zen was a deep influence,” sagte einmal Daniel Kottke, ein Collage-Freund von Steve Jobs über ihn, “You see it in his whole approach of stark, minimalist aesthetics, intense focus.” Steve Jobs, der am 5. Oktober 2011 verstarb, hinterlässt das Erbe eines neuen technologischen Zeitanbruchs auf dem Mobilen-Endgeräte-Markt, einen Weckruf, dem wir seither alle folgen – und folgen werden.

 

© 2021 Sina Winzler

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